ERST WENN DAS BILD SO GUT IST, DASS DER PREIS ZUR NEBENSACHE WIRD, IST ES EIN GUTES BILD.

Ein Gespräch mit Rodolfo Zanzot, Teamleiter Bildbearbeitung n c ag Urdorf, Mai 2016 – Thomas Gysin
Rodolfo Zanzot, Hundespaziergang an der Reuss.

Rodolfo Zanzot hat bereits seine Lehre als Chemigraf bei der n c ag absolviert, er kennt alle ursprünglichen Arbeitsprozesse des analogen Zeitalters und hat die Entwicklung der Digitalisierung mit all ihren hochkomplexen Veränderungen und Möglichkeiten von Anfang an miterlebt. Auf seinem beruflichen Werdegang sammelte er ebenfalls in anverwandten Berufen wertvolle Erfahrungen und ist seit elf Jahren wieder bei der n c ag, wo er heute als Teamleiter der Bildbearbeitung verantwortlich zeichnet. Rodolfo Zanzot ist Vater von vier Kindern, durch und durch Familienmensch, liebt La Vita Italiana, guten Fussball, wohnt in Mellingen an der Reuss, geniesst dort gerne einen erholsamen Spaziergang mit seinen Hunden.

Heute rede man immer ganz zuerst vom Preis, allein der Glaube daran, ein Schnäppchen zu machen, lasse oft ein Angebot begehrenswert erscheinen. Ein Irrglaube sei das, wie manche Studie es belege. Für jedes Angebot, das sich hochwertiger als andere präsentiere, sei man auch bereit, einen entsprechend höheren Preis zu bezahlen. Das sei nicht nur bei Luxusgütern so, diese Erkenntnis gelte ebenso für tägliche Gebrauchsgüter oder etwa Grundnahrungsmittel. Für die Präsentation ausschlaggebend sei vor allem das, was man zuerst wahrnehme – und das tue man mit dem Auge, es sei das Bild, das man sich von einem Angebot mache. Wenn dieses Bild die Begehrlichkeit zu wecken vermöge, werde der Preis schnell zur Nebensache.

Er sei extrem pingelig, sagt Rodolfo Zanzot über sich selbst, er strebe immer ein perfektes Resultat an und freue sich erst dann über eine Arbeit, wenn es von Kundenseite heisse, ja, genau so habe man es sich vorgestellt. Der Weg dahin sei nie einfach, die ersten 60 bis 70% des Erreichbaren seien bei der Bildbearbeitung relativ leicht realisierbar, für alle weiteren 10% müsse man jeweils doppelt so viel Aufwand rechnen. Nur die Bildbearbeiter der obersten Liga würden an die 90% erreichen.

Der Umgang mit Bildern werde heute mit vielen Hilfsmitteln relativ leicht gemacht und die Software der Profis sei für alle erhältlich. Die Anwendung der Programme und das Wissen um das Zusammenspiel verschiedenster Arbeitsprozesse müsse allerdings erlernt werden. Und selbst mit jahrelanger Erfahrung sei es unerlässlich, sich fortwährend damit auseinanderzusetzen, um die ständigen Updates zu verstehen. Es sei wie in der Elite des Profisports: Ohne tägliches Training verliere man sofort den Anschluss an die Spitze.

Bei guten Bildern kann man nicht wegschauen, und wenn sie sehr gut sind, bleiben sie unvergessen

Bildbeispiel vorher / nachher

Ein Bild habe enormes Potenzial, es habe die Kraft, Sinne zu stimulieren oder sie zu täuschen und gar zu manipulieren. Mit diesem Potenzial gelte es darum sehr subtil umzugehen. Wenn man übertreibe, würde man das Gegenteil erreichen. So ein Bild wäre dann nicht mehr glaubwürdig, damit kein Bild mehr, die Botschaft würde entwertet, im schlimmsten Fall für immer zunichte gemacht.

Von einem Bild erwarte man, dass es die Wahrheit zeige. Nur ein ehrliches Bild würde funktionieren. Wenn man zum Beispiel an einer Frau auf einem Werbebild so lange herumdoktere, dass sie schliesslich aussehe wie eine Barbie, dann habe man es verspielt, und das Produkt, wofür sie werbe, wäre unglaubwürdig. Ein Mannequin müsse natürliche Hauttöne zeigen, gesund wirken, die Proportionen sollen in jedem Detail stimmen, das Mannequin müsse leben, ja, beim Betrachten des Bildes sollte das Gefühl aufkommen, man könne den Atem des Mannequins spüren … so müsse die Frau auf dem Bild sein, dann sei sie begehrenswert, und damit auch das Produkt, wofür sie wirbt. Bei so einem Bild könne man nicht wegschauen, so ein Bild bleibe in Erinnerung, im besten Fall unvergesslich.

Die hohe Schule der Bildkomposition: Wenn aus einem halben Dutzend Bilder ein einziges werden soll

Für Rodolfo Zanzot ist es jedes Mal von Neuem eine Herausforderung: Ein Bild zu kreieren, das aus Elementen verschiedenster Bilddateien stammt, um daraus ein völlig neues Bild zu machen – ein ureigenes, neues, ein echtes Bild! An der Qualität solcher Arbeiten würden Bildbearbeiter gemessen. Denn viele dieser Bilder erkennen aufmerksame Betrachter sehr schnell als Komposition. Das seien dann Bilder, die sich für eine professionelle Verwendung nicht eignen. Würden sie gar als „Fälschung“ erkannt, wirken sie bestenfalls billig, im schlimmsten Fall richten sie Schaden an, Schaden am Image des Urhebers oder etwa an dem Produkt, das sich auf dem Bild in bestem Licht hätte präsentieren und verkaufen sollen.

Wenn aus einem Asiaten ein Schweizer wird, aus einem Showroom eine Passstrasse

Es komme vor, dass die Wunschliste für einen komplexen Auftrag auf einer Seite allein nicht Platz habe, lacht Rodolfo Zanzot. Wenn so ein Job bei ihm auf dem Tisch lande, gelte es, das Vorgehen vorab besonders intensiv zu planen. Vor allem bei Autokunden sei es gang und gäbe, dass gute Bilder aus der ganzen Welt zusammengetragen würden, die abgebildeten Autos darum nicht den Modellen des Schweizer Markts entsprächen. Da könne es sein, dass aus einem rechts gelenkten Modell in der Bildbearbeitung ein links gelenktes gemacht werde. Wenn mehrere Modelle aus verschiedenen Dateien auf einem Bild kombiniert werden sollen, würden Lichteinfall und Schattenwurf der einzelnen Sujets nicht übereinstimmen, man müsse da bei Null anfangen.


Einzelne Elemente zusammenführen

Die Bilder müssten vorab in einzelne Elemente seziert und anschliessend wieder zusammengesetzt in die dafür neu vorgesehene Welt hineinkopiert werden. Aufsicht und Untersicht der einzelnen Objekte müssen im neuen Bild harmonieren, die Spiegelungen oder die Durchsicht der Fenster der neuen Umgebung angepasst werden, aus einer toten Karosserieoberfläche entstünde in minutiöser Detailarbeit eine lebendige … und aus vielleicht geparkten Autos würden fahrende, Menschen in und ausserhalb der Fahrzeuge kopiere man aus anderen Dateien und setze sie so ein, als wären sie live am Fotoshooting genau an der neuen Stelle aufgenommen worden. Letztlich müsse auch das Spiel mit Licht und Schatten perfekt aufeinander abgestimmt werden. Hier erkenne man die Qualität einer Bildbearbeitung. Licht sei nicht gleich Licht, Schatten nicht gleich Schatten. Das Einsetzen eines perfekten Schattens, so Rodolfo Zanzot, setze ohnehin jahrelange Erfahrung voraus. Bei der Komposition eines derart multidimensionalen Puzzles sei es von Vorteil, wenn ein Bildbearbeiter auch über fundierte Kenntnisse in den Bereichen Fotografie, Retouche, Lithografie und Grafik verfüge. Denn ein solches Bild habe schliesslich die Aufgabe, die Autos zu verkaufen! Und dafür müsse die Arbeit so gut sein, dass selbst ein Profi die Komposition als ein einziges Bild wahrnähme. Und wirklich perfekt sei so ein Bild übrigens erst, wenn nur IT-Forensiker eine Bildbearbeitung im Detail nachweisen könnten.

Zukunftsorientiertes Denken: Förderung junger Fachkräfte
Rodolfo Zanzot, Arbeitsbesprechung

Wenn es um die Ausbildung der jungen Generationen gehe, täten sich viele Firmen schwer. Ganz anders werde dieses Thema bei der n c ag gewichtet. Hier wisse man, dass gut ausgebildete Fachkräfte das Kapital eines jeden Betriebs sind. Gute Bildbearbeiter gäbe es auf dem Markt zwar alleweil, sehr gute Bildbearbeiter seien aber rar. Dafür reiche nämlich eine eindimensionale Ausbildung nicht, so Rofolfo Zanzot; er bilde derzeit gleich drei Lernende aus. Die nc ag sei als Schmiede für Talentförderung geradezu prädestiniert, weil im gleichen Haus der Einblick in einen vollumfänglichen Arbeitsprozess möglich sei. Von der Fotografie, der Grafik, über die Lithografie bis hin zum Druckerzeugnis und der digitalen Verbreitung für sämtliche Online-Medien.