DIE SPRACHE IST MITTEL ZUM ZWECK – UND DAMIT MUSS MAN SUBTIL UND SORGFÄLTIG UMGEHEN KÖNNEN.

Ein Gespräch mit Chantal Weyermann, Korrektorat n c ag Urdorf, März 2017 – Thomas Gysin

Chantal Weyermann auf einem Spaziergang am Rheinufer

Die Sprache hat Chantal Weyermann schon immer fasziniert, bereits als Kind wollte sie Dolmetscherin werden. Schliesslich studierte sie an der Fakultät für Übersetzen und Dolmetschen an der Uni Genf Übersetzen und anschliessend nebenberuflich Terminologie und Rechtsübersetzung. Chantal Weyermann prägte für namhafte Schweizer Firmen deren Unternehmenssprache und wohnt heute mit ihrem Partner in einem umgebauten Bauernhaus im Kanton Thurgau, nahe des Rheins. Bei der n c ag arbeitet sie seit Januar 2016 im Team des Korrektorats.

Ja, es gebe solche, die würden ihn hassen, den Rotstift, es graue ihnen regelrecht vor ihm, dem Stift, der wie ein Skalpell durch die von ihnen doch so mühevoll zusammengetragenen Buchstaben pflüge, sie auseinandernehme, anders wieder zusammensetze, vielleicht gar in einer neuen Reihenfolge. Und es gebe Schreiber, die nicht weniger tüchtig gewesen seien und ihren Text oft mehrmals umgeschrieben hätten, die seien schliesslich froh, wenn der Rotstift ihr Werk vollende, Korrektheit übe, dem Inhalt helfe, verstanden zu werden, den Lesefluss erleichtere und der Botschaft eine schöne Melodie mitgebe. Der Rotstift, ja, das sei sie, manchmal wahrgenommen als notwendiges Übel, manchmal als stille Ratgeberin oder gar als heimliche Freundin. Letzteres gefiele ihr natürlich am besten, lacht Chantal Weyermann, eine der Hüterinnen der gepflegten Sprache im Team des Korrektorats der n c ag.

Der Aufgabenbereich im Korrektorat sei sehr breit gefächert und richte sich in erster Linie gänzlich nach den Kundenwünschen. Bei vielen Arbeiten wäre lediglich ein Korrektorat im Sinne des Wortes gefragt, das heisse, Sprache würde nur auf ihre Richtigkeit hin überprüft respektive korrigiert. Dabei würde darauf geachtet, dass die Grammatik stimme, die Orthografie den aktuellen Konventionen entspreche und die Satzzeichen richtig gesetzt würden. Andere Auftraggeber seien aber auch offen für mehr und würden zusätzlich um ein Lektorat bitten, also ebenfalls stilistische Korrekturen, Änderungsvorschläge oder die Prüfung von Inhalten verlangen. Bei anspruchsvollen Texten mache dies auch Sinn. Denn gerade komplizierte Inhalte würden es einem Autor oft schwer machen, so zu schreiben, dass ein Text von Aussenstehenden auf Anhieb verstanden würde. Da habe sie es als Korrektorin respektive Lektorin leichter: Denn als unbeteiligte Person habe man den notwendigen Abstand zur Thematik, um Inhalte neutral und für eine bessere Verständlichkeit bei Bedarf anders zu formulieren. Das gebe dem Text schliesslich den erforderlichen Lesefluss. Komplexe Inhalte seien für direkt involvierte Personen meist nicht leicht in Worte zu fassen. Für die betroffenen Empfänger einer Botschaft sei es aber wichtig, diese zu verstehen. Wenn beispielsweise ein Mediziner einen Befund auf einem akademisch derart hohen Niveau mitteile, dass ein Patient nichts mehr verstehe, mache das dem Patienten Angst. Erkläre der Mediziner dem Patienten jedoch die Sache in verständlicher Sprache, schaffe er Vertrauen. Erst so werde eine Kommunikation zwischen jemandem, der etwas mitteilen möchte, und einer Person, die etwas verstehen solle, möglich. Die Sprache sei also Mittel zum Zweck. Das sei mit Inhalten und Botschaften in allen Themenbereichen so.

Die Sprache einer Firma als Teil der Corporate Identity

Den visuellen Auftritt einer Firma oder Marke kenne jeder. Die Typografie eines Schriftzugs, das dazugehörende Logo, Farben und Formen würden scheinbar allen im Gedächtnis haften bleiben. Man nenne das Corporate Design, ein Bestandteil der gesamten Corporate Identity (CI). Dass Firmen und Marken auch ihre ganz eigene Sprache, Benennungen und eine eigene Schreibweise nutzen, sei nur wenigen bewusst. Diese Terminologie gehöre als fester Bestandteil ebenso zu einer gepflegten CI. Auch sei es – je nach Auftrag und Preis – Teil des Korrektorats, diese Einheitlichkeit in Inhalten und Botschaften zu wahren. Wenn Aussenstehenden beim Lesen diese Eigenheiten gar nicht auffallen, dann habe man gute Arbeit geleistet, dann sei die Terminologie der CI gepflegt und richtig eingesetzt worden. Auffallen würden dagegen unterschiedlich geschriebene oder fehlerhafte Wendungen. Das schade letztlich dem Image einer Firma oder einer Marke. In der Kommunikation sei die einheitliche Terminologie eines Unternehmens darum von grosser Bedeutung.

Das Spiel mit Worten – und damit gewinnen oder verlieren


Sie sei weltoffen, wissbegierig, reise gerne und interessiere sich auch für andere Kulturen, scheue keine ihr fremden Themen, seien diese nun banal oder komplex. Das helfe ihr natürlich bei der Arbeit enorm, denn zuallererst müsse man lernen, etwas zu verstehen und sich damit auseinanderzusetzen, bevor man darüber urteile. Die Sprache sei Mittel zum Zweck – und damit müsse man subtil und sorgfältig umgehen können, so Chantal Weyermann.

Aus einem Text heraus könne man leicht Dinge verstehen, die der Autor gar nicht habe schreiben wollen. Wörter, Satzstellungen, die Art, wie man eine Botschaft formulieren könne, sei enorm vielseitig. Da müsse man schon aufpassen. Bei wichtigen Texten, etwa solchen, die an die Öffentlichkeit gelangen, sei besondere Vorsicht angebracht, um ungewollt mögliche Interpretationen zu vermeiden. Solche Fehler würden allen und überall passieren können: Dem Autor, der allein in seinen vier Wänden an einem Text arbeite und sich nur auf seine eigene Sichtweise verlasse, oder wenn mehrere Personen auf einen Text Einfluss nehmen würden und dieser schliesslich ohne finale Kontrolle an Dritte weitergereicht oder gar gedruckt würde. Das sogenannte Controlling, das jede Firma bei einer Qualitätsprüfung in der Fabrikation oder im Finanzwesen anwende, sei darum auch in der Kommunikation angebracht – eben zum Beispiel in Form eines Korrektorats.